Wenn das Licht sich zurückzieht
Angekommen im Spätherbst klopft die Dämmerung bereits am Nachmittag ans Fenster. Der Nebel liegt über den Feldern, die Natur zieht sich zurück und vielleicht verspürst auch du den Wunsch nach Rückzug, nach mehr Ruhe und Geborgenheit.
Viele von uns erleben in dieser Zeit eine innere Schwere. Die Stimmung ist gedrückt. Es fehlt das äußere Licht, das das Gemüt erhellen soll. Es fehlt die Wärme der Sonne. Das Leben findet immer mehr in den eigenen vier Wänden statt. Zu wenig Licht, zu wenig Energie, zu viel Grau.
Die Dunkelnächte, die Zeit zwischen Ende Oktober und den Rauhnächten im Dezember, gehören zu den kraftvollsten Phasen des Jahres. Sie dienen als Schwelle – als Übergang in eine Welt der geheimnisvollen Ungewissheit. Diese Ungewissheit bereitet vielen Menschen Beklemmung, ein dumpfes Gefühl oder gar Angst. Wir wissen nicht, was sich hinter der Schwelle befindet, können es mit unserem rationalen Verstand nicht einschätzen. Die Sonne mit ihrem hell leuchtenden Licht und ihrer Wärme zieht sich immer weiter zurück und überlässt einer unklaren Düsterheit das Feld. Unklar und düster wollen wir aber nicht. Wir sehnen uns nach dem hellen, leuchtenden Pfad, der uns sichtbar, klar und möglichst zielführend unseren Weg zeigen soll.
Doch die Seele kennt die gerade Linie nicht. Die Seele kennt Bögen, Kreise, geschwungene Linien – Linien, die anderen Linien begegnen, manchmal auf harmonischen Wegen, manchmal eher holprig auf der Suche nach einem sich gegenseitig nährenden Miteinander. Die Seele findet ihren ureigensten Klang auf verborgenen, verschlungenen Pfaden. Auf Pfaden, die zu gehen von uns volles Vertrauen und Hingabe an das Unbekannte fordert. Das Licht und die Helligkeit halten unseren Fokus im Außen, in der Ablenkung von unserem innersten Erleben.
Wir benötigen beides – Licht und Dunkel.
Wir benötigen das Licht und die Helligkeit, um unsere Lebenskräfte zu erhalten. Die Sonne nährt uns mit ihrer lebensspendenden Energie und versorgt uns mit dem notwendigen Mut, der uns die Kraft gibt, immer weiter zu gehen, nicht aufzugeben. Wir benötigen das Lachen, das Unbeschwertheit, um unsere Batterien aufzufüllen, um zu genießen und um in der Freude zu bleiben.
Ebenso benötigen wir die Dunkelheit, den Rückzug zu uns selbst, in unser inneres Sein – zur Regeneration und, um auch die leisen Töne unserer Seele zu vernehmen. Diese Töne sind vielleicht die zarten Wegweiser zu Welten, die wir im Licht des Tages niemals wahrgenommen hätten – zu den unendlichen Weiten unseres Unterbewusstseins – dorthin, wo aus der Tiefe der Unendlichkeit ein neuer Same keimen kann.
Was die Dunkelheit in dir bewegt
In der dunklen Jahreszeit bevorzugt unser Körper einen Modus der Regeneration. Wir benötigen mehr Schlaf, sehnen uns nach warmen Speisen und Getränken sowie nach Rückzug. Übergehen wir diese Bedürfnisse, so reagiert unser System gerne mit Stress-Symptomen, mit Abgeschlagenheit, depressiver Verstimmung oder Krankheit.
Auf seelischer Ebene schafft die Dunkelheit Raum für inneres Erleben. Was wir im Trubel des Jahres zur Seite geschoben haben, darf sich melden. Viele Frauen erleben gerade in Übergangsphasen des Lebens, wie sehr diese Jahreszeit ihre innere Situation spiegelt. Unterdrückte Emotionen und Bedürfnisse, ungelebte Träume, nicht mehr stimmige Kompromisse…. all das kann ins Bewusstsein gelangen und möglicherweise zu einer gewissen Unzufriedenheit beitragen.
Die Dunkelnächte laden dich ein, nicht vor ihnen wegzulaufen, nicht alles künstlich zu beleuchten oder durch übertriebene Geschäftigkeit zu übertünchen. Nicht alles muss sofort gelöst werden. Manches will einfach nur gefühlt, gesehen und gehalten werden.
Die Magie der Dunkelheit
Die Dunkelheit ist der Raum, in dem Neues entstehen kann. Sie ist unendlich weit, grenzenlos und unergründlich.
Da wo kein Licht hinfällt, darf sich all jenes zeigen, wofür es im Licht des Tages keinen Platz gibt. Unterdrückte Sehnsüchte, Wünsche, Visionen, auch Stimmungen, die man nicht öffentlich zeigen möchte – die aber trotzdem da sind, die dein Leben und dein Sein bestimmen. Manchmal um so stärker, je mehr sie unterdrückt werden…
- vielleicht, weil sie scheinbar nicht in dein Weltbild oder Mindset passen
- weil sie nicht „gesellschaftskonform“ sind bzw. aus Angst vor dem inneren oder äußeren Kritiker
- weil sie dein bisheriges Leben in Frage stellen würden
- weil sie den Plänen und Vorhaben für deine Zukunft widersprechen
- weil es dir Beklemmung verschafft, wenn du ihnen Raum gibst
- oder schlicht, weil keine Zeit dafür da ist.
Du magst dich fragen:
- Was kommt da hoch? Was möchte sich da zeigen?
- Ich kenne solche Eindrücke nicht. Gehört das wirklich zu mir?
- Was passiert, wenn ich dem nachgehe oder Platz einräume?
- Bahnt sich da eine Veränderung meines bisherigen Lebens an? Wirft mich das aus meiner Komfortzone?
Aus der Dunkelheit nähren sich unsere Seelenkräfte.
In der Dunkelheit können wir die leisen Töne unserer eigenen Essenz wahrnehmen.
Diese Töne wünschen sich ein Lauschen, ein Kontemplieren. Sie zeigen sich nicht einfach so im Vorbeigehen.
Unser innerster Kern ruft nach Aufmerksamkeit.
In der Hektik und Eile des Alltags bleibt er in seinem sicheren Versteck –
aus Eigenschutz, aus Schutz vor Verletzung in einer lauten, fordernden Welt, die zwar von Liebe und Frieden spricht, aber in der Hingabe an die reine Herzensliebe oft am eigenen Ego scheitert.
Die Natur macht es uns vor
In den alten Jahreskreisfesten beginnt mit Samhain – traditionell gefeiert am elften Neumond des Jahres1, heute vielerorts in der Nacht zum 01. November – die dunkle Hälfte des Jahres. Für die Kelten war das der eigentliche Jahresanfang: Alles Neue beginnt im Dunkeln – das Samenkorn in der Erde, das Kind im Mutterleib, der Traum in der Nacht.
Samhain oder vielmehr die Schwelle in die dunkle Jahreszeit ist schwerlich auf einen einzigen Tag bzw. eine Nacht zu begrenzen. Es bezeichnet die Zeit, in der die Nächte länger werden und so die Dunkelheit immer stärker in unser Leben tritt. Durch die künstliche Beleuchtung wird die Helligkeit zwar scheinbar verlängert. Der Einfluss dieser Tage auf unser Gemüt bleibt jedoch bestehen.
Für unsere Vorfahren war das die Zeit, in der der Schleier zwischen den Welten dünner wird. Man ehrte die Ahninnen und Ahnen, ließ los, was keinen Bestand mehr hatte und bereitete sich auf den Rückzug vor. Die Natur tut genau das: Die Bäume ziehen ihre Kraft in die Wurzeln zurück. Die Tiere suchen ihre Höhlen. Das Leben richtet sich nach innen.
Von Samhain aus werden die Nächte immer länger, bis zur Wintersonnenwende um den 21. Dezember – der längsten Nacht des Jahres. Dort wird das Licht neu geboren. Die darauf folgenden Rauhnächte zwischen den Jahren waren in unserer Kultur seit jeher eine Zeit des Räucherns, Orakelns und Innehaltens.
Die Zeitqualität im Herbst 2026
Auch aus astrologischer Sicht stehen die Zeichen auf Rückschau. Gleich mehrere Planeten sind scheinbar rückläufig. Sie weisen auf eine Zeit des Überprüfens, des Nachspürens und des Neu-Ordnens – die Bewegung geht nach innen, genau wie die Natur.
Venus rückläufig (3. Oktober bis 13. November, vom Skorpion in die Waage)
Venus berührt unsere Liebesfähigkeit, unseren Selbstwert und das, was uns wirklich etwas wert ist. Rückläufig führt sie uns zurück zu alten Beziehungsthemen, zu Verletzungen und zu der Frage, wie liebevoll wir mit uns selbst umgehen. Am 24. Oktober steht sie in enger Verbindung mit der Sonne – ihr Zyklus beginnt neu, und danach erscheint sie als Morgenstern. In alten Mythen ist das der Abstieg der Göttin Inanna in die Unterwelt: Sie legt Schicht um Schicht ab, um verwandelt zurückzukehren. Ein kraftvolleres Bild für weibliche Wandlung in der dunklen Jahreszeit gibt es kaum.
Merkur rückläufig (24. Oktober bis 13. November, im Skorpion)
Am selben Tag, an dem Venus neu geboren wird, wendet sich auch Merkur nach innen. Im Skorpion lenkt er unser Denken in die Tiefe. Unausgesprochenes will gehört werden, Träume werden lebendiger, alte Gespräche tauchen wieder auf. Alte Glaubenssätze können ins Bewusstsein treten und nach Transformation
Als eher schwierig gilt diese Zeit für vorschnelle Entscheidungen und wichtige Verträge. Hier ist genaueres Hinschauen, Abwägen, vielleicht neu bewerten sicher hilfreich. Auch die Abläufe des täglichen Lebens können unter dem rückläufigen Merkur recht holprig vonstatten gehen. Störungen im Verkehrswesen, in der Kommunikation, Mißverständnisse, Fehlinterpretationen, u.ä. sind keine Seltenheit während dieser Epoche.
Bemerkenswert: Venus und Merkur werden fast zeitgleich wieder direktläufig. Um den 13. November herum löst sich dieser doppelte Rückblick, und was in der Zeit der Rückläufigkeit erkannt wurde, darf nun in Worte, Kommunikation und Beziehungen fließen.
Saturn rückläufig (bis 10. Dezember, im Widder)
Saturn prüft unsere Strukturen auf Alltags-Tauglichkeit.
- Trägt das, was du aufgebaut hast auch in der praktischen und nachhaltigen Umsetzung?
- Wo hältst du an Pflichten fest, die nicht mehr deine sind?
- Wo verlierst du dich in Geschäftigkeit im Außen, anstatt dich zu fokussieren auf das Wesentliche? Im Widder geht es um den Mut für den eigenen Weg – und um die Verantwortung, ihn wirklich zu gehen.
Siehe auch: mein Beitrag zu Saturn in Widder.
Neptun rückläufig (bis 12. Dezember, im Widder)
Neptun löst Grenzen auf, verbindet uns mit unseren Träumen und Sehnsüchten. Rückläufig hilft er, Illusionen von echter Vision zu unterscheiden. Was ist wirklich dein Traum – und was nur ein schöner Nebel?
Lies gerne auch meinen Beitrag zu Neptun in Widder.
Auffällig ist, dass Saturn und Neptun beide kurz vor der Wintersonnenwende wieder direktläufig werden. Wenn das Licht zurückkehrt, wenden sich auch diese beiden Kräfte wieder nach vorn. Klarheit und Vision dürfen sich dann neu verbinden.
Uranus rückläufig (seit September bis Anfang Februar 2027, in den Zwillingen):
Uranus steht für Freiheit und Erneuerung. In seiner rückläufigen Phase reifen neue Denkweisen zunächst im Inneren, bevor sie nach außen drängen. Du musst noch nicht wissen, wie das Neue aussieht. Du darfst dich aber dafür öffnen. Ein rückläufiger Uranus in den Zwillingen kann dir Geistesblitze schenken, die völlig fern alldessen liegen, was du bisher gekannt oder für möglich gehalten hast. Auch bisherige Formen der Tele-Kommunikation, der Informationsübertragung oder auch Modelle des Lernens können in Frage gestellt und neu gedacht werden. Eine praktische Umsetzung folgt eher, wenn Uranus wieder in die Direktläufigkeit kommt (ab Mitte Februar 2027).
Pluto ist seit Mitte Oktober wieder direktläufig (im Wassermann):
Der Herrscher des Skorpions hat seine Rückschau beendet, genau zu Beginn der Skorpionzeit. Die Wandlungskraft der Dunkelnächte fließt in diesem Jahr also besonders spürbar.
Siehe auch: mein Beitrag zu Pluto in Wassermann 2024 – 2043/44..
Die Dunkelheit als Verbündete
Die Botschaft dieser Zeitqualität ist eindeutig. Jetzt ist nicht die Zeit für Aktionismus. Wie die Natur im Winter nicht stirbt, sondern sich sammelt, darfst auch du diese Zeit nutzen, um zurückzukehren – zu dir, zu deinem Körper, zu deiner Seele und zu deiner Essenz.
Journaling-fragen für dich:
- Welche ungelebten Sehnsüchte und Träume schlummern in dir?
- Welche Bedürfnisse unterdrückst du immer wieder? Wo steckst du immer wieder zurück?
- Wo kannst du dir Ruhe-Oasen schaffen?
- Was macht dich lebendig?
- Welche Bedürfnisse unterdrückst du immer wieder? Wo steckst du immer wieder zurück?
- Woraus schöpfst du deine Kraft und deinen Lebensmut?
- Auch: Wo kannst du dich zurücknehmen? Wo übernimmst du Verantwortung für andere oder Aufgaben, die nicht deine sind?
Kleine Rituale für die Dunkelnächte
Du brauchst keine großen Zeremonien. Oft wirken gerade die einfachen Gesten am tiefsten.
- Die Kerze der Stille: Zünde an einem Abend pro Woche eine Kerze an und lösche alle anderen Lichter. Sitze oder liege eine Viertelstunde einfach da und atme ruhig und bewusst. Beobachte, was in dir auftaucht, ohne es zu bewerten.
- Aufschreiben und dem Feuer übergeben: Schreibe zum abnehmenden Mond oder zu Neumond auf, was du hinter dir lassen möchtest. Verbrenne den Zettel an einem sicheren Ort und übergib das Alte dem Feuer.
- Ahnenplatz: Gestalte eine kleine Ecke mit Fotos, Erinnerungsstücken oder einfach einem Licht für die Menschen, die vor dir waren. Bedanke dich bei ihnen für das, was du von ihnen trägst.
- Körper entspannen: Ruhige, lange gehaltene Haltungen wie im Yin Yoga unterstützen den Körper darin, sich zu entspannen und nach innen zu lauschen. Lege dabei die Hände auf deinen Bauch und spüre in deinen Schoßraum hinein – dorthin, wo neues Leben wurzelt.
- Spaziergang in der Dämmerung: Geh hinaus, wenn das Licht schwindet. Nimm wahr, wie die Natur ruht. Lass dich von ihr daran erinnern, dass Pause zum Leben gehört.
- Ein Wunsch für das Licht: Formuliere zu Neumond eine Absicht für den kommenden Mondzyklus. Weniger als Ziel, das du erreichen musst, sondern als Samen, den du der Erde anvertraust.
Ich wünsche dir gesegnete Dunkelnächte.
Birgit
Du wünschst dir Unterstützung für diese Schwellenzeit – sei es durch einen astrologischen Blick auf deine persönlichen Themen oder durch seelisch-energetische Begleitung, die dich wieder bei dir ankommen lässt – dann melde dich gerne bei mir..
Text: ©Birgit Flores
- dieses Jahr findet der 11. Neumond am 09.November im Skorpion statt ↩︎




