Birgit Flores

Krisenbewältigung

Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden.

THÍCH NHÃT HANH

 

Annehmen, was ist: der erste Schritt, wenn wir eine Krise bewältigen und an ihr wachsen möchten, ist die Akzeptanz der Situation, so wie sie sich uns darstellt. Dieser erste Schritt kann sogar die am schwierigsten zu bewältigende Hürde darstellen. Wir möchten keine Krise erleben, keine Krankheit durchmachen, keine Gefühle der Wut, der Trauer oder der Enttäuschung empfinden. Wir möchten das alles so schnell als möglich überwinden und wir möchten auch nicht, dass es wieder kommt.

Aber so ist das Leben nicht. Das Leben besteht aus Hochs und Tiefs, mehr oder weniger intensiv. Ohne diese Wellen gibt es kein Wachstum, keine Weiterentwicklung. Jede Krise, die wir bewältigen, lässt uns ein Stück reifer, ein Stück weiser werden. Aber: habe ich nicht schon genug erlebt? Bin ich nicht schon genug gewachsen? Wohin soll die Reise denn noch gehen? Kann es vielleicht mal etwas gemäßigter zugehen? Solche und ähnliche Gedanken schwirren in unseren Köpfen umher. Das ist menschlich und nachvollziehbar.

 

Der Mensch neigt dazu, eher die negative Seite einer Medaille zu sehen. Damit möchte ich keine schweren Krisen kleinreden. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass das Leben uns genau das präsentiert, womit wir in Resonanz stehen. Mit jeder Hürde wird uns die Möglichkeit gegeben, über uns hinauszuwachsen. Wir können diese Chance ergreifen als Wachstums-Schritt – oder wir können wegschauen oder sie projizieren…auf unsere Mitmenschen, auf die Politik, auf das Klima, etc.…. Irgendjemand oder irgendetwas ist immer da, der oder das als Sündenbock herhalten kann. Das scheint für den Moment der leichtere Weg zu sein…. bis zur nächsten Krise. Das gleiche Grundproblem mit anderem Gesicht. So wird es immer weiter gehen, wenn wir selbst nicht etwas ändern, wenn wir den Kreislauf nicht unterbrechen und in die (Eigen-)Verantwortung gehen. Wenn wir der Sache nicht ins Auge schauen und uns fragen: was hat das mit mir zu tun? Was kann ich tun, um die Situation zu ändern, um nicht immer auf den gleichen Partner-Typ zu treffen, um nicht schon zum unzähligsten Mal diese Schmerzen zu erleben, um nicht schon wieder ausgenutzt oder übergangen zu werden, um nicht schon wieder einen Menschen zu verlieren?

Haben wir die Situation so angenommen, wie sie ist, ist es wichtig, unsere Erwartungshaltung zu reflektieren. Ist sie noch zeitgemäß? Kann ich meine Erwartungen zurückschrauben oder verändern und so mehr Zufriedenheit im Leben verspüren?

Was macht die Krise mit mir? Wo spüre ich den Schmerz? Ist es mein eigener Schmerz oder übernehme ich etwas für eine andere Person?

 

Just in diesem Moment, wenn wir uns fragen, was das alles mit uns zu tun hat und was wir besser machen können, um die Situation zu verändern, gehen wir den ersten Schritt heraus aus der Opferrolle. Wir übernehmen selbst die Verantwortung für unser Sein und öffnen uns somit für neue Wege und Lösungsmöglichkeiten.

 

Häufig ist es so, dass wir noch gar nicht überblicken können, was wir besser machen könnten und dass wir den tieferen Sinn hinter unseren Krisen (noch) nicht verstehen.

Hier zählt unsere Geduld und unser Durchhaltevermögen. Wir können im Moment nichts ändern und nichts verstehen. Dann hilft es auch nicht, sich zu ärgern oder die Gefühle an unseren Mitmenschen abzureagieren. Das wird die Sache nicht verbessern, sondern durch die negativen Schwingungen, die wir verbreiten, eher verschlimmern.
Eine kleine Hilfe zur Krisen-Bewältigung findest Du hier.

Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern, dass man nie beginnen wird, zu leben.

Marc Aurel

Text: ©Birgit Flores